Projekt Gassentierarzt

In eine finanzielle Notlage zu geraten oder generell mit wenig Geld auskommen zu müssen, ist schwer genug. Umso mehr, wenn dann noch ein Tier mit betroffen ist, das medizinisch versorgt werden muss. Tierarztkosten sind selten planbar – und stellen Armutsbetroffene vor weitere existenzielle und seelisch belastende Probleme. Hier hilft die Thiersch-Stiftung mit einem Gratis-Behandlungsangebot für von Armut betroffenen Bürgerinnen und Bürgern in der Region Basel.

Tier und Mensch – „One Health“

Ziele

Tiere sozial benachteiligter Menschen sollen nicht durch die finanziell prekäre Situation der Tierbesitzer leiden. Sie sollen im Bedarfsfall einer fachlich erstklassigen und umfassenden tierärztlichen Behandlung bekommen.. Gleichzeitig sollen den Tierbesitzern die grossen Sorgen genommen werden, die durch oft unplanbare, tierärztliche Behandlungskosten entstehen können. Tiere sind für die Besitzerinnen und Besitzer oft das Einzige, was ihnen an sozialer Verantwortung und Zuneigung geblieben ist. Und letztlich sollen die Tierärztinnen und Tierärzte, die ihre fachliche Unterstützung leisten, fair, marktkonform und nach Aufwand entschädigt werden. All diese Ziele entsprechen vollauf dem Stiftungszweck der Stiftungsgründerin Renate Thiersch.

Beteiligte

Um die Ziele sachlich korrekt, aber dennoch pragmatisch und möglichst unbürokratisch umzusetzen, hat die Thiersch-Stiftung im April 2019 ein eigenes „Coupon“-System entwickelt und regional eingeführt. Anfänglich als „Gassentierarztprojekt“ für Randständige und obdachlose Suchtklienten und ihre Heimtiere geplant, wurde die ursprüngliche Kooperation mit dem Verein für Gassenarbeit „Schwarzer Peter“ (GGG Basel) rasch auf weitere karitative Einrichtungen ausgeweitet.
Über das Projekt informiert sind diverse soziale Institutionen in Stadt
und Kanton
, darunter darunter die Diakonie ELIM, die Caritas beider
Basel, der Verein Frauen-Oase, das Obdachlosenhaus, das Zentrum für
Suchtmedizin, die UPK Basel, diverse Streetworker, aber auch die
Sozialhilfe Basel-Stadt und die Sozialberatung Liestal sowie mit
vermittelnder Unterstützung die „Abteilung Sucht“ des Gesundheits-Departements Basel-Stadt. Weitere Gemeinden aus dem Kanton Basel-Landschaft sind dazugekommen. Auch die Tierärztinnen und Tierärzte der Tiermedizinischen Gesellschaft „TMG Regio Basiliensis“ wurden in das Projekt involviert.

Förderer

Die Wohltäterin und Mäzenin Gisela «Gigi» Oeri fördert und unterstützt mit der von ihr gegründeten Stiftung Anton die finanzielle Sicherung unseres Projektes grosszügig. Dafür sind wir sehr dankbar, ermöglicht es uns doch, die dargebotene Hilfe im Interesse der Tiere und im Sinne der Bedürftigen langfristig erhalten zu können.

Ergebnis

Seit Beginn des Projektes, welches mittlerweile institutionalisiert werden konnte, darf eine durchweg positive Bilanz gezogen werden. Die Bandbreite an medizinischen Leistungen ist dabei sehr gross und reicht von einer einfachen Impfung bis hin zu grösseren, lebenserhaltenden Operationen mit nachfolgendem stationären Aufenthalt in einer Tierklinik. Auch die Behandlungsdauer variiert stark (Einzeltherapien bis hin zu Dauermedikationen).

Wirkung und Nutzen

Das Halten eines Heimtieres bewirkt positive, ökonomisch messbare und gesundheitliche Effekte, was bei Menschen am Rande der Gesellschaft besonders ins Gewicht fällt. Zwar entlastet es nicht unmittelbar die eigene Haushaltskasse. Die öffentlichen Gesundheitskosten werden aber nachweislich reduziert: Stress und Depressionen können mit Hilfe von Haustieren nachweisbar gemildert werden; der Selbstwert des Tierhalters wird gewahrt, indem dieser Verantwortung für ein Mitgeschöpf übernimmt; das Herz-/Kreislauf- und Immunsystem sowie der Bewegungsapparat der Tierbesitzer werden durch regelmässige körperliche Aktivitäten an der frischen Luft positiv beeinflusst; und soziale Kontakte können bei gesellschaftlich oft isolierten Menschen durch den täglichen Spaziergang aufgebaut, erhalten und gefördert werden. Arzttermine müssen folglich seltener in wahrgenommen werden. Wenn Tiere gesund erhalten werden, trägt diese einerseits zum Wohlbefinden und Gesundheit ihrer Halter bei und stellt gleichzeitig einen Beitrag zur Entlastung unseres öffentlichen Gesundheitssystems dar. Für den Kanton Basel-Stadt konnten mit der Hundehaltung Einsparungen bei den Gesundheitskosten von bis zu CHF 4 Mio. modelliert werden (Schweiz CHF 530 Mio.).

Fazit

Die genannten gesundheitlichen Effekte und Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tier werden unter dem sogenannten „One Health“-Leitgedanken zusammengefasst. Zwischen der Tier- und der Humanmedizin gibt es keine Trennungslinie. Dieser Gedanke hat mit der Corona-Pandemie und den Auswirkungen des Klimawandels eine eindrückliche und beängstigende Aktualität erhalten und besitzt mehr denn je eine indiskutable Allgemeingültigkeit.

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Der Ablauf

Häufige Fragen zu ...

Die Anschaffung von Tieren und deren Unterhalt sind kostspielig. Ein Kauf will deshalb wohl überlegt sein und muss finanziell tragbar sein – auch zum Wohl der Tiere! Wir unterstützen deshalb bewusst keine tierärztlichen Behandlungen von Tieren, die während einer bereits bestehenden finanziellen Notlage angeschafft wurden.
Die Stiftung berücksichtigt nur Gesuche von unverhofft und unverschuldet in Not geratenen sowie von randständigen Menschen in der Region Basel, die bereits ein Tier besitzen.

Die Thiersch-Stiftung hat ein Coupon-­System entwickelt, das zum Bezug von tierärztlichen Leistungen in einer Tierarztpraxis der Region BS/BL berechtigt. Pro Tier ist ein Coupon erforderlich. Dieser behält die Gültigkeit bis Behandlungsabschluss des jeweiligen medizinischen Problems. Die Stiftung arbeitet eng mit karitativen und sozialen Einrichtungen, Suchtanlaufstellen und Streetworkern zusammen. Nur diese sind berechtigt Coupons abzugeben bzw. um finanzielle Unterstützung anzufragen.
Die Abwicklung und die Begleichung der tierärztlichen Behandlungskosten erfolgt nach Abschluss der Behandlungen direkt zwischen Tierarztpraxis und der Thiersch-Stiftung.

Wenn Sie als Tierarzt einen Coupon von einer der berechtigten und oben erwähnten Abgabestelle vorgelegt erhalten, senden Sie Ihre Rechnung mit beigelegtem Einzahlungsschein sowie dem zugehörigen und vollständig ausgefüllten Coupon nach Behandlungsabschluss an die Thiersch-Stiftung ein:
Per Mail an kontakt@thiersch-stiftung.ch
oder postalisch an die Thiersch-Stiftung, Aeschenvorstadt 16, 4002 Basel.

Ab Juni 2020 gilt: Rechnungen bis zu CHF 500,— sowie Notfallbehandlungen übernehmen wir vollständig und grundsätzlich ohne Rückfragen. Voraussichtlich kostenintensivere Behandlungen übernehmen wir nur nach Rücksprache.
Wenn Sie als Tierarzt keinen Coupon erhalten haben, und Sie den Antragssteller für Unterstützungsberechtigt halten, so benötigen wir ausführliche Angaben zum Gesuchsteller und dessen finanzieller Situation (wer hat das Tier zugewiesen, sowie Beilage einer Kopie der amtlichen Verfügung über eine finanziellen Unterstützung durch die Sozialhilfe oder IV-Stelle) sowie eine gute Beschreibung des medizinischen Sachverhalts mit einem Kostenvoranschlag. Je ausführlicher die Angaben sind, desto schneller kann das Gesuch (auch im Sinne der Tiere!) beurteilt werden. Allfällige Rückfragen verzögern den Prozess unnötig.

Es werden nur aktuelle Behandlungen bezahlt, nicht jedoch ausstehende Rechnungen vorangegangener Behandlungen der Tiere bereits bekannter Klienten.
Wir appellieren dabei an den tierärztlichen Ethos und den Tierschutzgedanken, der Sie grundsätzlich dazu verpflichtet, in Not geratenen Tieren und unabhängig von der Zahlungskraft des Besitzers, zu helfen (Soforthilfe).

Wir übernehmen das gesamte tierärztliche Behandlungsspektrum: Gedeckt sind Impfungen, medizinische Checks, Kastrationen/Sterilisationen, Behandlung akuter und chronischer somatischer Erkrankungen, sowie chirurgische Eingriffe. Ferner Röntgenbilder, Blutbild, parasitäre Untersuchungen, Labortests etc., sofern für eine Diagnose und Verlaufsabklärung unabdingbar.
Auch die Kosten für das Chippen und Registrieren der Tiere übernehmen wir, falls dies bei Tieren Randständiger bisher nicht erfolgt sein sollte.

Im Mittelpunkt steht der sachgerechte Umgang mit den Coupons. Diese sind nummeriert und werden den Abgabestellen zugewiesen. Die Abgabestelle, die bezugsberechtigte Person sowie die Tierarztpraxis werden auf den Coupons erfasst. Damit ist die Nachverfolgbarkeit gewährleistet. Rechnungen mit nicht vollständig ausgefüllten Coupons werden nicht weiter bearbeitet.
Die tierärztliche Expertise und Leistungen werden grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Die Stiftung behält sich aber vor, Abrechnungen und deren Verrechnungspositionen eingehend zu prüfen.
Sollte sich nachträglich herausstellen, dass Rechnungspositionen ungerechtfertigt erhoben wurden, behält sich die Thiersch-Stiftung vor, Rechnungen ganz oder einzelne Positionen davon zurückzuweisen.